Im Gegensatz zu Tagen draußen können uns Nächte draußen – insbesondere, wenn sie ungewollt und unfreiwillig am Berg stattfinden – ganz schön in Schwierigkeiten bringen. In solchen Situationen entscheiden Know-how und die richtige Ausrüstung darüber, ob man das nächtliche Biwak am Berg unbeschadet übersteht oder nicht. Was es beim Biwakieren zu beachten gilt, wollen wir später näher beleuchten. Zuvor werfen wir kurz einen Blick darauf, was wir tun können, damit wir erst gar nicht in die Notsituation kommen.

BIWAK VERMEIDEN! SCHLÜSSELFAKTOREN ZEIT, SCHWIERIGKEIT UND EIGENKÖNNEN SOWIE VERHÄLTNISSE UND WETTER

Wie so oft liegt der Erfolg bei anspruchsvollen und langen Touren in einer realistischen Planung, bei der wir folgende Punkte genau und ehrlich zu uns selbst abklären:

Check Zeitplan und Wetterbericht! Passen Aufbruchszeit und veranschlagte Gesamtzeit zu Wetterbericht, Länge und Schwierigkeit der Tour? Detail am Rande: Von einer Kaltfront sollte man heutzutage ebenso wenig überrascht werden wie von der Dunkelheit.

Check Schlüsselstellen und Selbsteinschätzung! In welchen Abschnitten liegen die Schwierigkeiten der Tour? Sind diese eher am Beginn oder am Ende? Sind wir diesengewachsen und wenn ja, wie schnell werden wir vorankommen?

Check die Verhältnisse! Wie sind die Verhältnisse im Auf- und Abstieg und mit welchenunvorhergesehenen Faktoren – wie z. B. schwierige Orientierung – müssen wir rechnen und sie in der Zeitplanung mitberücksichtigen? Kommen wir am Berg in Bedrängnis, ist dafür immer (außer bei Unfällen) eine Fehleinschätzung einer oder mehrerer dieser Punkte ausschlaggebend.

WIE BIWAKIEREN?

Grundsätzlich müssen wir vorweg zwischen Notbiwak und geplantem Biwak unterscheiden. Das geplante Biwak beziehen wir dann, wenn sich eine Bergtour nicht in einem Tagbewältigen lässt und dabei keine Hütteninfrastruktur zur Verfügung steht. In der Regel stellt das geplante Biwak, außer einem schwereren Rucksack, keine besonderen Herausforderungen dar, da man 1. solche großen Touren nur unternimmt, wenn Wetter und Verhältnisse passen, 2. man die entsprechende Ausrüstung wie Isomatte, Schlafsack, warme Kleidung, Kocher und Proviant mit dabeihat und 3. man relativ genau weiß, wo man biwakieren wird, denn in den meisten Routenbeschreibungen sind Übernachtungsmöglichkeiten schon eingezeichnet. Dort trifft man dann auch häufig auf bereits vorbereitete Biwakplätze.

Das Notbiwak hingegen müssen wir ungeplant – also unfreiwillig – machen, wenn wir zum Beispiel in die Dunkelheit oder in einen Wettersturz geraten, verletzt oder erschöpft sind oder aufgrund der Schwierigkeiten nicht mehr weiterkommen – also „blockiert“ sind. Solche Notsituationen können ohne Schutzmaßnahmen vor Wind, Kälte, und Niederschlag potenziell lebensbedrohlich werden. Ein gut eingerichtetes Notbiwak kann Schlimmstes verhindern.

DIE RICHTIGE NOTFALLAUSRÜSTUNG IST ELEMENTAR.

Um eine Nacht im Freien im Hochgebirge unbeschadet zu überleben, ist eine entsprechende Notfallausrüstung essenziell. Dazu gehören ein Zwei-Personen-Biwaksack (bzw. pro zwei Gruppenmitgliedern einer), idealerweise mit einer Öffnung zum Überstülpen und einer zweiten Öffnung auf der gegenüberliegenden Seite für die Frischluftzufuhr. Ebenfalls unverzichtbar ist eine Alu-Rettungsdecke pro Person, die in der sogenannten Windeltechnik) über den Kopf und unter die Jacke gestülpt, den Körperkern vor Auskühlung schützt. Zudem gehören eine Mütze und eine leichte Daunenjacke bei jeder anspruchsvolleren Hochtour für Notfälle in den Rucksack. Bei größeren Touren, wo wir eventuell sogar mit einem Biwak rechnen müssen, und speziell im Winter kann eine Ready HeatTM Wärmeweste2) wertvolle (Überlebens-)Dienste leisten. Sie besitzt eingearbeitete Wärmeelemente, die beim Öffnenmit Sauerstoff reagieren und über acht Stunden eine Temperatur von 40 Grad Celsiushalten.

Sommer Biwak
Ohne Biwaksack kann eine Nacht im Gebirge lebensbedrohlich werden. Hat man zumindest eine Alu-Rettungsdecke im Erste Hilfe-Paket mit dabei, kann man diese oberhalb der untersten Bekleidungsschicht in der Windeltechnik verwenden. Zudem zieht man nach dem Zwiebelprinzip alles an, was zur Verfügung steht. Wichtig ist dabei, dass wir nasse Kleidungsstücke vom Körper entfernen und uns gegen Kälte vom Boden schützen. Dabei kannz.B. der Rucksack als Isolation dienen.
Sommer Biwak
Mit Biwaksack ist die Chance – insbesondere bei Niederschlag – die Nacht gut zu überstehen, deutlich höher.

RECHTZEITIG HANDELN

Die „Flucht nach vorne“ hilft selten. Erfahrungsgemäß macht sie die Situation am Berg meist nur schlimmer. Besser ist es, sich die Notlage einzugestehen und frühzeitig, nicht erst in der Dämmerung, den Notruf abzusetzen bzw. mit der Suche nach dem richtigen Standort für die bevorstehende Nacht zu beginnen und sich das Biwak gut einzurichten. Bei Dunkelheit, völlig ausgepowert und verschwitzt, ist es schwierig, sich adäquat auf eine lange, kalte Nacht vorzubereiten.

STANDORT

Mindestens genauso wichtig wie die richtige Ausrüstung ist ein geeigneter Platz. Dieser muss – insbesondere bei Starkregen, Gewitter oder Schneefall – frei von alpinen Gefahren wie Steinschlag, Muren, Lawinen oder Blitzschlag (weg vom Grat) sein. Im besten Fall ist der Biwakplatz trocken und windgeschützt, z. B. unter Felsvorsprüngen. Ist der einzige Platz, den wir vorfinden, wind-exponiert, kann mittels Steinen ein Windschutz (kleine Mauer) errichtet werden. Bei Absturzgefahr – etwa in einer Wand oder am Grat – müssen wir auch während der Nacht gesichert bleiben.

Standort Biwak
Der richtige Standort spielt eine entscheidende Rolle: Sicher vor alpinen Gefahren, windgeschützt und im besten Fall trocken, sind die wesentlichen Kriterien. Ist der Platzabsturzgefährdet, bleiben wir gesichert.

AUSKÜHLUNG VERMEIDEN

Während der Nacht ist es wichtig, dass wir eine mehr oder weniger starke Unterkühlung(Hypothermie) vermeiden. Dies gelingt uns am besten – wie beschrieben – mittels Biwak-sack und Alu-Rettungsdecke. Dabei ist es effizienter, wenn zwei Personen in einem Biwaksack liegen und sich so gegenseitig wärmen. Nasse Kleidung muss unbedingt vom Körper, alle anderen zur Verfügung stehenden Klei-dungsstücke ziehen wir – dem Schichtprinzip entsprechend – selbstverständlich an. Isolation von unten erreichen wir, indem wir uns auf die Rucksäcke und – falls vorhanden – Seile setzen bzw. legen. Gelingt es nicht, uns durch Isolationsmaßnahmen warmzuhalten, bleibt uns nur mehr Bewegung bzw. gegenseitige Massage, um eine Unterkühlung zu vermeiden.

NOTBIWAK IM WINTER

Eine besondere Herausforderung stellt ein Biwak im Winter dar. Natürlich gelten dieselbenGrundregeln (siehe oben), aber durch die längere Dunkelheit und die viel tieferen Temperaturen – ein rascher Temperaturabfall innerhalb weniger Stunden in den zweistelligen Minusbereich ist die Regel – kann noch schneller eine lebensbedrohliche Situation entstehen. Einen Vorteil haben wir allerdings im Winter auch: Mit Schnee steht uns ein gut geeigneter, isolierender Baustoff zur Verfügung. Entgegen früherer Lehrmeinungen sind aber Schneehöhlen in Wechten oder Windkolken bei starkem Wind bzw. Sturm durchaus problematisch, wie dies leider auch Unfallbeispiele3) zeigen: Der Wind bläst den Schnee zum einen permanent ins Lee und verschließt die Höhle, zum anderen führt der kalte Wind während des Ausgrabens zu viel schnellerer Auskühlung.

Notbiwak Winter
In einem Panzerknacker ist genug Platz für die gesamte Gruppe, um die Nacht unbeschadet zu überstehen. Voraussetzung: Man beginnt rechtzeitig mit dem Bau.

PANZERKNACKER-BIWAK

Eine bessere und standortunabhängige Möglichkeit, die Nacht im Winter unbeschadet zuüberstehen, ist das sogenannte Panzerknacker-Biwak). Auch hier ist es wichtig, dass der Eingang nicht im Lee liegt, denn dies hätte zur Folge, dass der Innenraum mit Triebschnee vollgeblasen wird. Besser ist es, die Öffnung 90 Grad zur Windrichtung anzuordnen.

Biwak
An einem lawinensicheren, möglichst windgeschützten Standort wird rechtzeitig mit dem Biwakbau begonnen. Dafür wird der Boden verdichtet, die Rucksäcke werden auf einen Haufen gelegt und mit einem Biwaksack abgedeckt. Anschließend werden die Rucksäcke so lange mit Schnee – dieser wird immer wieder verdichtet – zugeschaufelt, bis eine ausreichende Überdeckung entsteht.
Biwak Winter
Nun wird – 90 Grad verdreht zur Windrichtung – eine Öffnung gegraben und die Rucksäcke werden herausgeholt.Abschließend wird die Höhle im Inneren so vergrößert, dass alle darin Platz finden.

WELCHER BIWAKSACK FÜR WELCHEN ZWECK?

Art der Tour (Berglauf, Klettertour, Skitour, Mehrtagestour, Expedition, …), Gegend (vielbegangen, entlegen, außeralpin, …) sowie Verwendungszweck (geplantes Biwak, Not-biwak, Pausen, …) und letztendlich die Zusammensetzung der Gruppe (allein, privat, geführt, …) entscheiden darüber, welche Art von Biwaksack am besten für die jeweilige Unternehmung geeignet ist und jedenfalls mit dabei sein sollte.

DER MINIMALISTISCHE

Für einfache Tagestouren, bei denen es sehr unwahrscheinlich ist, dass Notsituationenauftreten, oder für Klettertouren, bei denen jedes Gramm zählt, ist ein ultraleichter Biwaksack das Mittel der Wahl. Frei nach dem Motto „besser wie nix“ überzeugt er durch sein extrem geringes Gewicht und Packmaß. Durch die Silberbeschichtung auf der Innenseite bietet er – vergleichbar mit einer Alu-Rettungsdecke (und in Kombination mit dieser) – bis zu einem gewissen Maß Schutz vor Kälte und durch die PU-Beschichtung außen Schutz vor Niederschlag. Definitiv nicht geeignet ist ein Ultralight-Biwaksack für diverse Abtransporte (Biwaksackschleife, etc…), der aber ohnehin nur im äußersten Notfall angewendet werden soll. Der Biwaksack ist sowohl in Ein- als auch in Zwei-Personen-Ausführung erhältlich.

Ultralite Bivi Double von Mountain Equipment: Gewicht 180 g, Maße (L x B): 213 x 152 cm, Packmaß (L x B) 12 x 6 cm, Preis: ca. 30 €. Bivy Ultralight von Ortovox: Gewicht 150 g, Packmaß (L x B) 9 x 5 cm, Preis: ca. 25 €.

DER UNIVERSELLE

Dieser Biwaksack ist praktisch für jede Unternehmung geeignet. Klar ist er um einigesschwerer als ein Ultralight, dafür ist er robuster und kann durch seine seitlichenBefestigungsösen und das verarbeitete, reißfeste Ripstop-Gewebe sowohl als Biwaksackschleife als auch als Segel (Tarp) verwendet werden. Besonders bei winterlichen Touren und jenen in entlegenen, außeralpinen Gebieten kann er seine Vorteile ausspielen. Zusätzliches Feature: Bei der Jause kann er auch als Sitzpolster verwendet finden.

Zwei-Personen-Biwaksack von Pieps/ ÖAV: Gewicht 500 g, Maße (L x B): 190 x 138 cm,Packmaß (L x B) 24 x 8 cm, Preis: ca. 85 €.

DER LUXURIÖSE

Für Tourenführer*innen ist das Biwakzelt – das sogenannte Bothy – eine echte Alternative. Je nach Ausführung bietet es Platz für vier bis sechs Personen. Durch die seitlichen Belüftungsstutzen kann das Biwakzelt über die ganze Gruppe gestülpt werden. Einige Modelle haben zudem ein transparentes Fenster für Wetterbeobachtungen. So dient es nicht nur für Notfälle, sondern kann auch als Wind- und Wetterschutz für Pausen genützt werden. Hat man als Leiter*in so ein Teil dabei, werden das die Teilnehmer*innen spätestens bei einer wohlig warmen Jause im Inneren des Zeltes gehörig honorieren. Nach-teil: Bothys sind unten offen und eignen sich deshalb nur bedingt zum hineinlegen.

Munro Bothy 4 von MSR: Gewicht 670 g, Maße (L x B): 152 x 142 cm, Packmaß (L x B) 23 x 15 cm, Preis: ca. 150 €, Group Shelter 4 Bothy von RAB: Gewicht 620 g, Maße (L x B): 145 x 145 cm, Packmaß (L x B) 23 x 15 cm, Preis: ca. 65 €

Weiterführende Links:

1. Wärmeerhalt

2. Ready HeatTM Wärmeweste 

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Gerhard Mössmer ist Berg- und Skiführer, Mitarbeiter in der Abteilung Bergsport und zuständig für Lehrschriften und Lehrteam.

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