Über die Langeweile und wie sie zum kultivierten „Freiraum“ werden kann

Wie gerne erinnere ich mich an die Ferienzeiten, in denen mir immer mal wieder so richtig „fad“ war! Die Zeiten, in denen aus Langeweile irgendetwas entstanden ist. Das war aus dem Moment heraus. Entstanden ist daraus manchmal auch Fernsehen, aber auch viele Basteleien und viel Handwerken, zielloses Radlfahren oder Flanieren mit Freund*innen, einen ganzen Nachmittag schaukeln, stundenlanges Frisbeespielen oder einen neuen Sport erkunden…

Kennst du diese Erlebnisse, die vollkommen ungeplant passieren? Wann hast du dir das letzte Mal Zeit genommen, nichts zu tun?

Meine Eltern haben mir viel ermöglicht. Neben den vielen Aktivitäten und Fähigkeiten, die ich erlernen durfte, bin ich für die Freiräume, die sie mir ermöglicht haben, gleichermaßen dankbar. Denn das Leben hat sich mit der Zeit wie von allein komprimiert: Irgendwann während meiner Zeit als Jugendliche konnte ich mich nicht mehr erinnern, wie sich eine „lange Weile“ anfühlt, die Zeit, in der mir „fad“ war, war vorbei. Ich hatte vergessen, wie es sich anfühlt, wenn ich einfach mal ausgiebig Zeit habe – freie Zeit.

Das Leben hatte sich beschleunigt, der Stundenplan in der Schule hat sich gefüllt und genauso haben sich die Freizeit und die Ferien gefüllt: mit Hobbys, dem ersten Job und anderen Verpflichtungen. Natürlich haben mir all die Aktivitäten und Programmpunkte Spaß gemacht, aber wenn keine Zeit mehr zum „Verschnaufen“ geblieben ist, dann war mal wieder alles „zu viel“ und wenn dann doch mal Freiraum entstanden ist, dann hat er sich oft wie eine Leere angefühlt, die eigentlich gefüllt werden sollte.

Chillen ist eine Tugend

Mittlerweile ist „Chillen“ für mich eine Tugend, für die ich mir ganz bewusst Zeit nehme. Denn das Gefühl, „einfach Zeit zu haben“, hat einen unterschätzten Wert. Die Wirkung des „Zeithabens“ auf körperlicher und psychischer Ebene ist, dass unser Nervensystem runterfährt und dadurch Entspannung passieren kann. Dieses Gefühl zu kultivieren, gibt uns die Möglichkeit, auch die vielen „kleinen“ Möglichkeiten wahrzunehmen, in denen wir durchatmen können. Denn es geht nicht um die Quantität, sondern um die Qualität des Chillens. In den Sommercamps begleiten wir die Kinder dabei, auch das Chillen zu lernen.

„Uuuuuuund dann und dann und dann?“

in den Feriencamps, die ich leite, bekomme ich von den Teilnehmer*innen recht oft die Frage: „…und was machen wir als nächstes?“ Es ist zur Gewohnheit geworden, dass unsere Tage vollgepackt sind mit Aktivitäten und diesen Anspruch erleben wir in den Leitungsteams dann auch in den Sommercamps. Wir gestalten den Kindern und Familien in den Camps ein buntes Programm mit vielen verschiedenen Programmpunkten. Neben all der Action braucht es aber auch Freiraum, um die Naturerfahrung, Interaktion und auch den Bewegungs-„Input“ zu verarbeiten. Es braucht Freiraum, um zu sein – sich selbst zu entdecken – die Umwelt zu entdecken – Interaktion zu entdecken.

Manches Mal habe ich beobachtet, dass Menschen mit dem „auf einmal“ entstandenen Freiraum sogar verzweifeln. Im Kontrast zu unseren vollen Leben kann es schon eine Herausforderung sein, die Langeweile als gefühlten „Freiraum“ zu erkennen.

Fazit: Wir dürfen üben, das Nichtstun zu genießen.

Nicht für alle Menschen ist es leicht, mit den eigenen Gedanken und Gefühlen in diesem Raum „da zu sein“. Dabei ist diese Pause zwischen den Aktivitäten so wichtig. Es sind genau diese Gelegenheiten, in denen Raum zum Zuhören entsteht, was da in DIR da ist, wie es DIR jetzt geht. Es ist auch ein Raum, der in Familien entstehen kann, in dem Interaktion passiert oder Gespräche geführt werden, für die sonst keine Zeit ist.

 

Action und Chillen in Balance

Wie immer geht es um die Balance. Es geht nicht darum, Menschen zum „stillen Sitzen“ zu zwingen. Es geht um das Kennenlernen und das Kultivieren der inneren Ruhe und dem Gefühl, dass das Leben, so wie es gerade ist, GENUG ist. Ein anderer Aspekt davon ist auch die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen. Auch wenn es da noch ambitionierte Wege von Schule, Studium, Sport usw. auf der Agenda der „Heranwachsenden“ gibt (und ja, grundsätzlich ist es gut, Leistung zu bringen):

Selbstwirksamkeit hat viele Gesichter – in der Aktivität genauso wie in der Ruhe. -Wenn ich mich dafür entscheide, innezuhalten, mich selbst zu spüren in dieser Ruhe und wahrzunehmen, zu hören, was in mir auftaucht und damit weitergehe ins „aktive“ Leben. Das hat eine große Auswirkung auf das eigene Sein und Werden und in weiterer Folge auf das Außen.

 

Wie plane ich Freiräume in Sommercamps?

Die Frage an sich ist konträr. Doch es braucht das Eindenken von Freiräumen beim Gestalten des Programms für ein Sommercamp. Als Leiterin von Sommercamps und Jugendgruppen war es für mich ein Lernprozess, in dem ich verstanden habe: Ich muss nicht die ganze Zeit „vollpacken“ mit Programm, denn die freie Zeit, aus der ganz spontan etwas entsteht, hat Potenzial zu den tiefsten Erfahrungen in dieser Sommercampzeit. Auf den Feedbackbögen stand dann oft: „Davon wollen wir MEHR!“

Wir erstellen für unsere Camps einen Wochenplan mit allen Aktivitäten, die wir mit den Teilnehmer*innen gerne durchführen wollen. Der Plan ist für unsere Orientierung. An dem Punkt der Planung wissen wir nicht, welche Energie die Gruppe haben wird und wie ihre Dynamik ist. Denn jede Gruppe ist anders und selbst wenn es die gleichen Teilnehmer*innen sind: Jede Gruppe verändert sich beständig, weil sich jede Person der Gruppe beständig verändert.

Der erstellte Plan ist eine Orientierung und gibt uns ein gemeinsames Verständnis für das Verhältnis an Aktivitäten und Zeit, die wir haben und umsetzen wollen. Wichtig für uns im Team: genug Aktivitäten im Repertoire zu haben, aber die Tage trotzdem nicht zu voll zu packen. Während des Camps besprechen wir im Team jeden Tag, ob die geplanten Aktivitäten Sinn machen oder wie wir etwas abändern – aufgrund des Wetters, aber auch aufgrund der Stimmung der Gruppe.

Was entsteht aus Freiraum?

Wenn du dir nicht vorstellen kannst, was aus Freiraum in Sommercamps entsteht, hier ein Auszug unserer Erfahrungen: Eine riesige gruppenübergreifende Wasserschlacht mit Lachmuskelkater im Anschluss, Interesse an einer Bastelei, die zu einem Gruppenprojekt wird, spannende Gespräche zwischen Sechs- und 60-Jährigen bei spontanen Spaziergängen am Bach, Impro-Theater, gemeinsames Ballspielen … die Möglichkeiten sind unbegrenzt und so individuell wie jede Gruppe.

Bei den Camps werden die Teilnehmenden in ihrer Freizeit nicht „ganz“ alleine gelassen. Wir sind als Ansprechpersonen immer vor Ort. Grundsätzlich haben wir alles an Material mit bei den Camps. Wenn dann in der Langeweile das Interesse für etwas Bestimmtes auftaucht, dann beginnt exploratives, intrinsisch motiviertes Lernen mit unserem Material. -Lernen aus dem inneren Wunsch heraus und nicht, weil jemand es vorschlägt.

Das ist das Zauberhafte, die Magie des Freiraums.

Die Impulse aus dem Inneren tauchen auf und haben Raum, da zu sein.

+ posts

Vera Kadletz ist ehrenamtlich als Jugendleiterin in den Sektionen St.Gilgen und Innsbruck tätig.

Comments are closed.